Er mahlet das Korn

Windmühlen – wer dächte da nicht zuerst an längst vergangene Zeiten? Wir sehen sie auf alten Bildern und hören von ihnen in vielen Märchen und Volksliedern. Immer wird die Mühle von etwas Geheimnisvollem umgeben.

Dies ist nicht verwunderlich, auch wenn sie ganz nüchtern betrachten. Zumeist liegt sie - wie die Dudenser Mühle - ein wenig abseits der Ortschaft, wo ein Hügel oder Bachlauf ihren Standort bestimmt.

 

Technische Spitzenleistung

Der landesherrliche „Mühlenzwang“ verschaffte dem Müller ein Monopol innerhalb seines Bezirkes. Der Wert des Anlagekapitals stand in keinem Vergleich mit dem der Bauern und Landhandwerker. Auch sonst war der Müller meist wohlhabender als diese. Häufig führte das Zusammenspiel dieser Tatsachen zu Argwohn in der sonstigen Bevölkerung, nicht immer unbegründet. Oft sagte man dem Müller nach, er habe sich die Metze - das war der Naturallohn, den der Müller vom Getreide für sich behalten konnte - zu hoch berechnet. Des Weiteren erschien die komplizierte Mechanik einer Mühle im Verständnis der Bevölkerung häufig als unheimlich, weil sie nur schwer durchschaubar war. Dies umfasste auch die für Uneingeweihte nur schwer nachvollziehbaren Arbeitsabläufe, in denen das Mahlgut mehrfach durch Mahlgang und Beutelkiste geschickt werden musste. Dies und viele andere Einzelheiten rechtfertigen es, vom Standpunkt der angewandten Mechanik in der Bauzeit der Dudenser Mühle, also um 1700, die damalige Mühlenbaukunst als eine technische Spitzenleistung zu bewerten. Nicht umsonst ist der Typ der Bockwindmühle bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in unseren Breiten immer wieder gebaut worden und teilweise bis weit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im praktischen Gebrauch geblieben.

 

 Müllerfamilie Ahrbecker

Sie als Besucher sind wohl auch erst einmal um die Mühle herumgegangen und haben sich vielleicht gefragt, warum gerade an dieser Stelle ein Hügel aufgeschüttet worden ist, obwohl doch gar nicht weit entfernt eine zwar sanfte, aber doch bedeutend höhere Erhebung der Landschaft sich für eine Windmühle eigentlich viel mehr anzubieten schien. Der Grund ist, dass das benachbarte Mühlengehöft schon lange vor der Windmühle bestanden hat. Ein „Mühlen“-Gehöft ohne Mühle? Nein, nicht ohne Mühle! Haben Sie den kleinen Bach gleich hinter der Mühle bemerkt? Das ist die Alpe, die südwestlich des Dorfes entspringt und in sehr alter Zeit eine Wassermühle angetrieben hat. Diese Mühle ist bereits 1250 als Eigentum des Mindener Domstifts erwähnt worden und stand ursprünglich nördlich des Ortes. Im Zuge der Belagerung Nienburgs durch schwedische Truppen während des 30-jährigen Krieges 1625 und 1627 ist diese Mühle zerstört worden und kam erst bei ihrem späteren Wiederaufbau in die Nähe des Mühlengehöfts, welches von unserer Bockwindmühle aus gut zu sehen ist.

 

1733 übernahm die Müllerfamilie Ahrbecker diese Mühle auf Erbzins. Wenn Sie sich nun das kleine Bächlein von der Windmühle aus so anschauen, werden Sie sich vielleicht auch fragen, wie es jemals eine Mühle betreiben konnte, denn es muss bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Wassermangel gelitten haben. Jedenfalls entschloss sich Müller Ahrbecker im Jahre 1817, eine Windmühle zu bauen, wie es bereits viele Müller im Neustädter Raum vor ihm getan hatten. Diese Mühle kaufte er 1838 sozusagen als „Second-Hand-Mühle“ in Twistringen (Landkreis Diepholz) von dem Müller Ellerhorst, der ihren Ersatz durch eine modernere Holländermühle plante, und ließ die Einzelteile mit etlichen Pferdefuhrwerken nach Dudensen bringen. Eine jüngst durchgeführte dendrochronologische Untersuchung tragender Teile ergab, dass die Mühle um das Jahr 1700 herum gebaut worden ist, sie also bereits fast 140 Jahre ihren Dienst versehen hatte, ehe sie nach Dudensen gelangte. In Twistringen hatte sie sogar noch eine Vorgängerin gehabt, welche 1621 gebaut worden war, jedoch keine zehn Jahre Bestand gehabt hatte, da sie bereits 1630 nach einem Blitzeinschlag niedergebrannt war.

 

Die Wanderslust

Das Mühlenwandern war eine geläufige Erscheinung: Nicht nur die Müllergesellen mussten wandern, die Windmühlen taten es auch. Dazu gibt es im Raum Hannover zahlreiche Beispiele. Die heutige „Alte Mühle“ im Hermann-Löns-Park ist in ihrem Leben sogar fünfmal versetzt worden; eine Bockwindmühle aus Delitzsch in Sachsen gelangte im Jahre 1900 nach Fuhrberg bei Großburgwedel, allerdings in der Hauptsache per Eisenbahn.

 

Nun könnte man denken, Ahrbecker hätte nach der Anlieferung seiner Mühlenteile in Dudensen sofort mit dem Aufbau beginnen können. Jedoch würde man dann die damalige politische Situation im Kurfürstentum Hannover außer Acht lassen. Diese gestand den Müllern nämlich von alters her bestimmte Rechte zu, und so verband sich eine Reihe alteingesessener Müller aus den damaligen Ämtern Neustadt und Ricklingen (Schloss Ricklingen) zum Protest gegen das Bauvorhaben Ahrbeckers. Es folgten lange Schriftwechsel und Stellungnahmen, die am Ende dazu führten, dass Ahrbecker doch noch - wenn auch erst 1844 - seine Genehmigung zum Aufbau der Windmühle erhielt. Allerdings war darin die Einschränkung vermerkt, die Mühle dürfe lediglich einen Roggenmahlgang, wie zuvor in Twistringen auch, beinhalten.

 

Ob Müller Ahrbecker lange Freude an der umgesetzten Mühle gehabt hat? Zweifel sind erlaubt. Denn der Hammer, das ist der große Balken, der auf dem senkrecht stehenden Hausbaum drehbar gelagert ist und das gesamte Mühlengehäuse trägt, ist nachweislich im Jahre 1848 erneuert worden. Deutlich ist diese Jahreszahl neben den Buchstaben „HAB“ für „Heinrich Ahrbecker“ sowie dem mit Kreide aufgemalten Namen „Wetzig“ heute noch zu lesen. Die Erneuerung des Hammers stellte für damalige Verhältnisse einen hochkomplizierten Vorgang dar, in dem die gesamte Mühle per Handwinden an den vier Ecken hochgedrückt werden musste, um den alten Balken aus seinen Verzapfungen zu lösen, zur Seite durch die zu diesem Zweck aufgemachte Seitenwand herauszuziehen und den neuen Hammer ebenso wieder hineinzubringen. Dazu sind an den vier Ecken des Mühlengehäuses unter dem Dach Knaggen angebracht worden, unter denen schräg stehende Stützen ein Umstürzen des zu diesem Zweck aufgebockten Mühlengebäudes verhinderten. Diese Knaggen waren vor Beginn der Restaurierung der Mühle noch vorhanden; man hat sie einfach am Gebälk belassen, um sie später wieder einmal verwenden zu können.

 

Ein zweiter Mahlgang

Die Änderungen der politischen Verhältnisse im Kurfürstentum erreichten in den 1860er Jahren auch Dudensen, und so nutzte Müller Ahrbecker die sich inzwischen lockerer gestalteten Mühlenverordnungen, welche mit der Annexion Hannovers durch Preußen 1866 endgültig zugunsten der Gewerbefreiheit entfielen. Viele Bockwindmühlen der Gegend hatten schon länger einen zweiten Mahlgang für die Herstellung feinerer Weizenmehle besessen, was durch ein hannoversches Gesetz von 1834 legitimiert worden war. Damit konnten sie gegenüber den seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier aufkommenden Holländermühlen noch konkurrenzfähig bleiben.

 Einen solchen Weizenmahlgang ließ Müller Ahrbecker nun auch einbauen, wie seine Initialen „HAB“ und die Zahl „1861“ im zugehörigen Sechskantsichter noch heute ausweisen. Nunmehr konnte die Dudenser Mühle auch feines Weizenmehl liefern, wie es auch die hiesige Landbevölkerung während der sogenannten Napoleonischen Zeit von 1806 bis 1813 kennengelernt hatte, als Niedersachsen unter der Herrschaft Jérôme Bonapartes stand und Teil des Königreichs Westfalen war. Dieser zweite Mahlgang muss Müller Ahrbecker einen zusätzlichen guten Verdienst eingebracht haben, denn die Mühle konnte sich trotz ihrer sonst sehr altertümlichen Bauweise über viele Jahre bis zum Beginn des großen Mühlensterbens nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrem Betrieb behaupten. Diese Tatsache trifft übrigens für viele umliegende Bockwindmühlen zu und mag auch darin begründet sein, dass der Kreis Neustadt schon sehr früh über eine einflussreiche Müllerinnung verfügte, deren Obermeister Kirchhoff von der Windmühle Mandelsloh sich vor allem in der schwierigen Zeit der 1930er Jahre und des beginnenden Mühlensterbens für den Erhalt der kleinen Mühlenbetriebe eingesetzt hatte.

 

Hinzu kam, dass Müller Ahrbecker sich vermutlich bereits in den 1920er Jahren auf seinem Hof gegenüber der Windmühle eine kleine Motormühle erbaut hatte, welche bei Windmangel den Mühlenbetrieb gewährleisten konnte. Diese Motormühle wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg modernisiert. Das Gebäude aus dieser Umbauphase ist mit Teilen des technischen Inventars heute ebenso noch erhalten.

 

Erst ein schwerer Unfall des Müllers Ahrbecker brachte den Betrieb 1952 zum Erliegen. Friedrich Ahrbecker wollte etwas in der Windmühle reparieren, hatte die Bremse jedoch nicht aufgelegt. Die Mühle setzte sich plötzlich in Bewegung und zog einen Arm des Müllers zwischen die hölzernen Räder. Der Müller kam mit dem Leben davon, war aber aufgrund seiner Verletzung nicht mehr in der Lage, die Windmühle allein zu betreiben. Eine Zeit lang wurde der Betrieb noch mit Hilfskräften fortgesetzt., aber 1954 brach bei einem Sturm der hözerne Kopf der Flügelwelle. Kurze Zeit später lieb das Flügelkreuz noch an ein paar Holzresten hängen und verfiel zusehends.